Scheller, Die Jeromiade in sieben Gesängen und einer Apothese.

Scheller, Die Jeromiade in sieben Gesängen und einer Apothese.

(Scheller, Karl Friedrich Arend); Die Jeromiade in sieben Gesängen und einer Apothese. Pathopoli (Leipzig), apud Gelastinum Severum (Carl Cnobloch) (1814), 320/(1) S., Ppbd., Einband berieben, Ecken bestossen, alter (1837) privater handschriftlicher Eintrag auf fliegendem Vorsatz (″C. C. Austrup Brschwg d 4ten Sptbr 1837“), exterm selten! Lt. KVK in keiner großen deutschen Bibliothek!

– Polemische „Reimchronik“ auf die Herrschaft Jerome Bonapartes aus der Zeit des Zusammenbruchs des Königreichs Westphalen.
- Der (im Buch nicht genannte!) Verfasser war Karl Friedrich Arend Scheller (1773–1843), ein heute wenig bekannter, aber durchaus eigenwilliger Gelehrter aus dem braunschweigischen Raum. Er wurde am 6. November 1773 in Hessen am Fallstein geboren und starb 1843 in Wolfenbüttel. Er war Arzt, Übersetzer, Bibliothekar und Sprachforscher und beschäftigte sich insbesondere mit der niederdeutschen Sprache und Literatur.
Scheller hatte während der napoleonischen Zeit persönlich unter den politischen Verhältnissen zu leiden. Seine Hoffnung auf eine akademische Laufbahn wurde durch die politischen Veränderungen nach der französischen Besetzung zunichtegemacht. Die Deutsche Biographie beschreibt ausdrücklich, dass der Zusammenbruch seiner beruflichen Aussichten und seine wirtschaftlich schwierige Lage zu seiner starken Abneigung gegen die napoleonische Herrschaft beitrugen. Nach dem Ende des Königreichs Westphalen ließ er dieser Haltung in der „Jeromiade“ freien Lauf.

- Der Name des Werkes ist ein Wortspiel mit Jérôme Bonaparte (Hieronymus Napoleon Bonaparte), dem jüngsten Bruder Napoleons.

- Jérôme war von 1807 bis 1813 König des von Napoleon geschaffenen Königreichs Westphalen. Seine Residenz war Kassel. Das Königreich umfasste große Teile Nord- und Mitteldeutschlands, darunter auch Gebiete des heutigen Niedersachsen und Hessens.
Die „Jeromiade“ ist somit – schon im Titel – eine Anspielung auf die großen Epen der Literaturgeschichte, vor allem auf Werke wie die „Ilias“ oder die „Aeneis“. An die Stelle eines heroischen Epos über einen großen Helden tritt hier eine satirische Abrechnung mit Jérôme und seiner Herrschaft.

- Die „Jeromiade“ ist keine Biographie Jérômes, sondern eine sehr umfangreiche politische Satire in Versform.
Scheller nimmt darin das Königreich Westphalen und seine französisch geprägte Verwaltung aufs Korn. Dabei geht es unter anderem um:
- Jérôme Bonaparte und seinen Hof in Kassel,
- die französische Herrschaft in Westphalen,
- die Verwaltung und Bürokratie,
- die französischen bzw. napoleonischen Funktionsträger,
- das Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen,
- die wirtschaftlichen Belastungen der Bevölkerung,
- die gesellschaftlichen Verhältnisse am Hof,
- verschiedene Erscheinungsformen der französischen Kultur und Sprache und
- Personen und Institutionen des westphälischen Staates.

Interessant ist beispielsweise eine Passage über die französischen Sprachlehrer, die nach dem Ende der westphälischen Herrschaft ihre bisherigen Existenzmöglichkeiten verloren. Scheller schildert sie als Teil einer Gruppe französischer Zuwanderer, die nun Deutschland verlassen müssten.
Das zeigt auch, dass das Werk weit über eine bloße Attacke gegen Jérôme hinausgeht: Scheller benutzt den Untergang des Königreichs Westphalen als Anlass für eine umfassende satirische Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Zustände der napoleonischen Zeit.

- Die Apotheose bezeichnet traditionell die Vergöttlichung bzw. Verherrlichung eines Menschen. Bei Scheller wird der Begriff offensichtlich ironisch eingesetzt: Er übernimmt die Formensprache eines großen heroischen Epos und verwendet sie für seinen politischen Gegner. Jérôme wird mit den Mitteln des heroischen Epos behandelt – allerdings als Gegenstand der Satire.

- Die Jeromiade entstand unmittelbar nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft in Norddeutschland, also zu einem Zeitpunkt, als die Erinnerungen an das Königreich Westphalen noch ganz frisch waren. Sie gehört damit zu jener umfangreichen, unmittelbar nach 1813 entstandenen antifranzösischen bzw. antinapoleonischen Publizistik. Man muss allerdings berücksichtigen, dass Scheller keineswegs ein neutraler Chronist ist. Die Jeromiade ist ausdrücklich polemisch und satirisch. Seine Schilderungen sind daher eher als zeitgenössische politische Wahrnehmung und Polemik denn als objektive Darstellung zu lesen.

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